5 Mythen des Mikrobioms

Darm mit Lupe, die die Bakterien im Darm zeigt

Zuletzt aktualisiert am 13. Juni 2026 von Isabell

Unser (Darm-)Mikrobiom – ein beeindruckendes Sammelsurium an Bakterien, Viren und Pilzen. Harmonisch leben sie zusammen, dicht gedrängt zwischen unseren Darmzotten. Sie futtern, verstoffwechseln unsere Nahrung und produzieren für uns lebenswichtige Nährstoffe wie Vitamin K.

Ein Leben ohne sie? Für uns nicht denkbar!

Doch der Hype der letzten Jahre um unser Mikrobiom bringt auch einige Mythen mit sich, die so wissenschaftlich keinen Halt haben. Zeit, die 5 gängigsten Mythen rund ums Mikrobiom zu entlarven.

Mythos #1: Die Mikrobiomforschung ist ein junges Forschungsgebiet

Seit etwa 5 Jahren kommt niemand mehr am Trendthema Mikrobiom vorbei und doch ist es kein neues Thema (seitdem steigen auch deutlich die Suchanfragen bei Google).

Schon 1885 untersuchte der deutsche Mikrobiologe und Kinderarzt Theodor Escherich das Darmbakterium Escherichia coli, kurz E. coli [1]. Wie wichtig gute Bakterien wie Bifidobakterien für unsere Gesundheit sind, war Anfang des 20. Jahrhunderts Gegenstand der Forschung.

Ein wichtiger Vertreter war der russische Wissenschaftler Elie Metchnikoff, der bereits um 1908 Fäulnisbakterien im Darm dafür verantwortlich machte, dass Menschen altern [2]. Er empfahl, die schädlichen Darmbakterien zu reduzieren und die nützlichen Milchsäurebakterien zu fördern, indem regelmäßig Milchprodukte konsumiert werden. Auch wenn er es nicht so nannte, formulierte Metchnikoff hier das Prinzip von Probiotika. Probiotika sind die für unseren Darm nützlichen Bakterien.

Probiotika: die für unseren Darm nützlichen Bakterien wie Bifidobakterien

Das “neue” Feld der Mikrobiomforschung mit weiteren Themen wie der Darm-Hirn-Achse und den von den Bakterien produzierten Stoffwechselprodukten gibt es seit mehr als 40 Jahren.

Mythos #2: Das Mikrobiom wiegt 1-2 kg

1-2 kg von unserem Gewicht runterrechnen, weil es unsere Darmbakterien sind – das wäre schön!

Doch Bakterien machen weniger als die Hälfte des Gewichts unseres Stuhls aus [3]. Je nach Person variiert die Menge pro Stuhlgang zwischen 100 und 500 g. Gehen wir von weiteren 500 g Stuhl aus, der in unserem Darm verweilt, kommen unsere im Darm vorhandenen Bakterien auf insgesamt 500 g.

Aber nicht nur im Darm tummeln sich Bakterien, sondern auch auf unserer Haut und Schleimhäuten. Im Vergleich zu den Darmbakterien ist ihre Menge aber deutlich geringer, sodass sie das Gesamtgewicht an Bakterien in unserem Körper kaum erhöhen.

Zwar können wir leider nur ein halbes Kilogramm von unserem Körpergewicht “abziehen”, doch pro Gramm Stuhl sind bis zu unglaubliche 1011 Mikroben vorhanden, die uns tagtäglich unterstützen [4]!

Mythos #3: Wir bestehen aus 10x mehr Bakterien als menschlichen Zellen

Wir bestehen zu 90 % aus Bakterien, oder?

Nein, denn neuere Untersuchungen revidieren die seit den 1970er hartnäckig bestehende Hypothese. Vielmehr bestehen wir etwa zur Hälfte aus bakteriellen Zellen [5], was sehr viel erscheinen mag. Doch da Bakterien sehr klein sind, kann die gleiche Menge an Zellen auf einem viel geringeren Raum verteilt werden. Wir Menschen werden zusammen mit unseren Bakterien auch als Holobiont bezeichnet.

Holobiont = Mensch (eukaryoter Organismus, Wirt) + prokaryote Organismen
(Eukaryot: Zellen mit echtem Zellkern, Prokaryot: Zellen ohne Zellkern)

Die Studie untersuchte Menschen in urbanen, einkommensstarken Gegenden. Ob der Wohnort mit seinen Lebensbedingungen, das Einkommen und die Ernährung dieses Verhältnis von bakteriellen und menschlichen Zellen beeinflusst, ist noch nicht vollständig untersucht.

Mythos #4: Mamas vererben ihren Kindern das Mikrobiom

Wir bekommen unser Starter-Set an Bakterien bei der Geburt von unserer Mama mit.

Jein. Denn während des Geburtsvorganges werden einige Bakterien (insbesondere E. coli bei vaginalen Geburten und Hautkeime während eines Kaiserschnitts) direkt von der Mutter auf das Kind übertragen.

Die Nahrung im ersten Lebensjahr beeinflusst jedoch viel mehr, wie sich unser Mikrobiom entwickelt. Sie bestimmt, wie vielfältig unsere Bakterien in unserem Darm sind [6]. Diese Vielfalt wird in den nächsten Lebensjahren zudem durch Antibiotika und äußere Einflüsse wie Passivrauchen beeinflusst. Insbesondere durch Antibiotika kann unser Mikrobiom auch noch Jahre, nachdem wir sie eingenommen haben, verändert sein [7].

Also: Du bist, was du isst – und mit welchen Einflüssen Du in den ersten Lebensjahren umgeben warst.

Fun Fact: Auch was Deine Mama und Deine Oma vor und während der Schwangerschaft gegessen haben, beeinflusst Dein Mikrobiom.

Mythos #5: Ein Mikrobiom-Shift ist mit Krankheiten assoziiert

Zeig’ mir, wie dein Mikrobiom zusammengesetzt ist und ich sage dir, welche Krankheit Du hast.

So einfach ist es leider nicht! Und auch wenn erste Studien in Nagetieren und einigen menschlichen Patienten schlussfolgerten, dass ein verändertes Mikrobiom die Ursache für eine Erkrankung ist, liegt hier nicht automatisch eine Kausalität vor. Größer angelegte Studien mit mehr Patienten konnten diese Ergebnisse nicht reproduzieren. Vielmehr scheinen weitere Faktoren wie beispielsweise die parallele Einnahme von Medikamenten wichtig zu sein.

Dass Bakterien involviert sind, wenn es um die Entstehung von Krankheiten geht, ist beispielsweise für Alzheimer, Multiple Sklerose und Parkinson beschrieben [8]. Bei den betroffenen Patienten liegt zumeist ein verändertes Mikrobiom vor, die sogenannte Dysbiose. Doch ob sie alleiniger Auslöser sein können, dafür braucht es eine quantitative Bestimmung der Bakterien von vielen Patienten.

Dysbiose des Mikrobioms:
Ungleichgewicht der Bakterien im Darm, bei dem die nützlichen Bakterien durch schädliche Bakterien verdrängt werden

Literatur

[1] Hacker and Blum-Oehler, 2007, Nature Reviews Microbiology

[2] Stambler, 2016, Advances in Gerontology

[3] Stephen and Cummings, 1980, Journal of Medical Microbiology

[4] Sender et al., 2016, PLOS Biology

[5] Ferretti et al., 2018, Cell Host & Microbe

[6] Badal et al., 2020, Nutrients

[7] Dong and Gupta, 2019, Clinical Gastroenterological Hepatology

[8] Madhogaria et al., 2022, Infectious Medicine

Dieser Artikel basiert auf der Publikation von Walker und Hoyles (2023, Nature Microbiology).

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