EHEC-Infektionen – ein Problem in Entwicklungsländern?

Sind EHEC-Infektionen ein Problem von Entwicklungsländern? Auch wenn bei uns in der Öffentlichkeit eher weniger im Fokus, stellen EHEC-Infektionen ein erhebliches Risiko dar, insbesondere für Kleinkinder unter fünf Jahren, die von schweren Komplikationen wie HUS betroffen sind. In Deutschland infizieren sich jedes Jahr Tausende; im Jahr 2023 wurden 3.403 Fälle gemeldet.

Wenn ich gefragt werde, was ich beruflich mache, erkläre ich mit viel Freude und Begeisterung, dass ich in der Infektionsforschung arbeite und mit meinem Tun helfe, Infektionskrankheiten zu bekämpfen. Der nächste Schritt ist dann, dass ich von „meinem“ Bakterium EHEC und EHEC-Infektionen erzähle.

Spätestens jetzt sind riesengroße Fragezeichen im Gesicht meines Gegenübers, denn meiner Erfahrung nach ist für EHEC-Infektionen ein geringes Bewusstsein vorhanden. Dabei sind sie ein weltweites Problem.

Übertragen durch Wiederkäuer, die selbst nicht erkranken, handelt es sich hier um eine Zoonose. Überall dort, wo Nutztiere gehalten werden, kann es potenziell zu Infektionen mit EHEC kommen. So folglich auch in Deutschland.

Zahl des Monats: EHEC in Deutschland

Zahl der EHEC-Infektionen 2023 in Deutschland, die an das RKI übermittelt wurden.

Auch wenn EHEC-Infektionen unter dem Radar laufen, infizieren sich doch allein in Deutschland jedes Jahr mehrere Tausend Menschen mit EHEC. Letztes Jahr beispielsweise 3.403 Menschen. In Deutschland. Einem Industrieland.

Was ich daran besonders schwierig finde: In 30 % der Infektionen sind die Jüngsten unter uns betroffen, Kinder unter 5 Jahren. 1.000 Kinder, die sich mit blutigen Durchfällen plagen oder deren Nieren versagen. Denn Kindern sind stärker vom hämolytisch-urämischen Syndrom (HUS) betroffen.

Obwohl es sich um eine bakterielle Infektion handelt, ist eine Behandlung kompliziert. Sie erfolgt meist ausschließlich symptomatisch, also ohne den Einsatz von Antibiotika. Diese können den Krankheitsverlauf von Patienten massiv verschlechtern.

… und EHEC-Infektionen sind auch weltweit ein Problem

EHEC-Infektionen sind dabei wie bereits erwähnt nicht nur in Deutschland eine ernstzunehmende Erkrankung. In der EU wurden 2022 7.117 EHEC-Infektionen erfasst. Mehr als 1.100 Patienten mussten stationär behandelt werden, da wahrscheinlich blutige Durchfälle und ein schwerer Krankheitsverlauf vorlagen. 28 Menschen verstarben aufgrund einer Infektion mit EHEC. In Europa. Wo die meisten Länder eine gute medizinische Versorgung aufweisen.

Weltweit sieht die Lage nicht besser aus, wobei genaue Fallzahlen kaum erfasst sind. Es wird davon ausgegangen, dass sich jedes Jahr etwa 2,5 Millionen Menschen mit EHEC infizieren. Mehr als 3.000 Patienten bilden das lebensbedrohliche HUS aus und etwa 270 Menschen sterben. Dabei treten Infektionen genauso in Europa und Amerika, wie auch in Südostasien auf. Allein die medizinische Versorgung scheint darüber zu entscheiden, zu welcher Sterblichkeit EHEC-Infektionen führen. In der westpazifischen Region ist diese hoch, während sie in Europa gering ist.

EHEC, ein weltweit vorkommende Zoonose

Dennoch sind 3.400 Infektionen mit 73 HUS-Fällen, vorwiegend bei kleinen Kindern, eine bakterielle Infektion, die nicht zu unterschätzen ist. Im Vergleich zum Vorjahr haben sich die Fallzahlen um 86 % in Deutschland gesteigert (Die Daten können bei Survstat des RKI abgerufen werden). Und dass dieses Bakterium in der Lage ist große Ausbrüche zu verursachen, haben wir spätestens 2011 bei uns in Norddeutschland gesehen.

Also nein, EHEC-Infektionen sind kein Problem von Entwicklungsländern. EHEC-Infektionen sind eine ernste Erkrankung mit lebensbedrohlichen Symptomen, die besonders die treffen, die am meisten Schutz brauchen. Auch in Deutschland. Auch 2024.

Eine kleine Notiz am Ende:
Beim Schreiben dieses Beitrages habe ich die aktuellen Fallzahlen aus 2023 für mein Forschungsprojekt intensiv ausgewertet. Besonders emotional ausgelaugt und traurig ging ich nach Hause zu meinem Kind, nachdem ich in meinen Daten Fälle von HUS bei ein- oder zweijährigen Kindern entdeckte. Ein Kleinkind von 1 Jahr ist an EHEC gestorben.

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